Das Haus der Mörder

Der Hausmeister eines Hauses am Wörder See schikaniert die Bewohner des Hauses so lange, bis diese ihm den Tod wünschen. Eines Tages liegt er tatsächlich leblos in seiner Wohnung neben einer Flasche Bier. Als Mörder kommen alle Hausbewohner in Frage. Doch wer hat den Hausmeister wirklich umgebracht? In Andrea Lederers „Das Haus der Mörder“ geht es um tiefe Abgründe, Liebe, Hass, das Schicksal und darum, dass es nicht nur Weiß und Schwarz gibt.

An Stelle von Eintrittskarten erhalten die Zuschauer am Eingang kleine weiße Fäden: „Das sind Schicksalsfäden. Wofür Sie die brauchen, erklärt sich später“, informieren die Schülerinnen am Eingang während sie das Eintrittsgeld in „Ediths und Lenis Urlaubskasse“ werfen. Dass die beiden alten Damen Edith (Helena Meise) und Leni (Theresa Geilhaar) das Geld gut brauchen könnten, merkt das Publikum bald: Die beiden freuen sich so sehr auf eine Kreuzfahrt, um dann festzustellen, dass ihr gesamtes Urlaubsgeld gestohlen worden ist. Die zwei jungen Schauspielerinnen sorgen dabei mit ihrem stöckerigen Gang und ihrer herrlich schrulligen Darstellung der alten Damen für die ersten Lacher. Es wird schnell deutlich, wer das den alten Damen angetan hat: Hausmeister Siegfried Krötz (Konstantin Meyer), der im Verlauf des Stückes auf Grund seiner Schikane der Hausbewohner zunehmend zu deren Hassobjekt wird, bis alle drohen, ihn umzubringen. Konstantin Meyer gelingt die schwierige Gradwanderung zwischen introvertiertem Mann („Ich will nicht, dass die anderen wissen, wie es in meinem Inneren ausschaut.“) und widerlichem Ekelpaket überzeugend nüchtern. Die Hausbewohner lernen nur das Ekelpaket Krötz kennen, das sie nach und nach in den Wahnsinn treibt: Der alleinerziehenden Mutter Anja (schwankend zwischen Angst und Wut: Johanna Kühn) droht Krötz ständig mit Polizei und Jugendamt, wenn ihre Tochter Laura (verschmitzt: Linda Erkeling) ihm mal wieder einen Streich gespielt hat. Die gehbehinderte Uschi (Doreen Dierkes) leidet unter seinen Beleidigungen, bevor Krötz sogar den Kontakt zu ihrer Tochter Sandra (Chiara Geist) und ihren Enkelkindern kappt. Überzeugend stellen Doreen Dierkes und Chiara Geist die zaghafte Wiederannäherung von Mutter und Tochter dar. Das Publikum leidet mit, als Sandra ihrer Mutter nach einer Intrige des Hausmeisters alle Hoffnung nimmt und ihr den Kontakt zu den Enkeln untersagt. Zarte Bande entstehen auch zwischen dem italienischen Clown Andrea (Johanna Rennebaum), der unter Krötz Ausländerfeindlichkeit leidet und der Studentin Julia (Cosima Jugel), die, bei einem Eskort-Service jobbend, von Krötz wie eine Prostituierte behandelt wird. Mit Power und Gefühl meistern Johanna Rennebaum und Cosima Jugel ihre Szenen, in denen sich Clown und Studentin in ihrem Ärger näher kommen. In der Beziehung des lesbischen Pärchens Sam (Rosa Melechin) und Chrissie (Chiara Menne) bringt der homophobe Hausmeister es hingegen öfters mal zum Kriseln. Rosa Melechin und Chiara Menne spielen dabei in ihren Streits wunderbar die völlig gegensätzlichen Charaktere Sams und Chrissies aus, wenn beispielsweise das magische Ritual bei Hausbewohnerin Marie (besonnen und esoterisch: Katarina Müller), in dem Krötz mundtot gemacht werden soll, misslingt.
Als weiteres Paar müssen die Lehrer Uwe (Lennart Groß) und Britta Meier (Mariele Fechner) gegen den Hausmeister zusammenhalten, wenn dieser Uwe mal wieder zum Ausrasten und Britta hysterisch zum Weinen bringt. Toll gelingt den beiden Neuntklässlern hier das Wechselspiel von Alltagsgesprächen und den von Krötz provozierten Krisensituationen. Als letzte Hausbewohnerin lernt das Publikum die Alienforscherin Frau Prof. Theodor (wunderbar exzentrisch und aufbrausend: Sophia Groß) kennen, die von Krötz erpresst wird. „Sie sehen doch selbst: Dieser Mann ist verrückt geworden“, spricht die Professorin verzweifelt die Zuschauer an, bevor auch sie schwört, den gehassten Hausmeister umzubringen.
Andrea Lederer hat die Romanvorlage „Das Haus der 13 Mörder“ von Peter Hellinger als Theaterstück so bearbeitet, dass sich alle Figuren immer wieder an das Publikum wenden, das dadurch eingebunden wird. Die Inszenierung von Lisa Meiercord denkt diese Einbindung weiter: Das Publikum wird gebeten, mit den zu Beginn verteilten Schicksalsfäden nach dem Ende des Stückes eine Entscheidung zu treffen, als Hausmeister Krötz schließlich tot in seiner Wohnung gefunden wird. Elisa Rehrmann als Privatdetektivin April Marlein klärt den Fall auf. Nachdem Frau Marlein zuvor bereits verdeckt ermittelt hat und den Bewohnern als schnodderige Klempnerin oder scheinheilige Frau von der Meinungsforschung auf den Zahn gefühlt hat, erkennt sie, dass das Verhalten des Hausmeisters nur aufgesetzt war. Krötz hatte die Hausbewohner in der Hoffnung provoziert, dass einer von ihnen ihn schließlich umbringen würde. Im Publikum hat vermutlich jeder einen anderen Verdacht, wer der Mörder ist und auch die Hausbewohner wollen endlich wissen, wer es ist: „Krötz selbst hat das Gift in die Flasche gespritzt. Es sollte wie Mord aussehen“, erklärt die Privatdetektivin endlich. Mit einer tollen Bühnenpräsenz, von mitfühlend zu aufbrausend, gelingt es Elisa Rehrmann in dieser letzten Szene, die Spannung zu halten: Warum hat der Hausmeister das getan? Er wollte das Leben seines Sohnes retten, der sehr viel Geld für die Heilung einer exotischen Krankheit braucht. Krötz hatte eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen, die bei Selbstmord jedoch nicht an seinen Sohn ausgezahlt würde, sodass er einen Mord fingierte. Sowohl die Hausbewohner als auch das Publikum stehen nun vor der Entscheidung, ob sie der Polizei alles sagen sollen, um sich selbst zu schützen oder ob sie die Geschichte des Mordes unterstützen und damit selbst verdächtigt werden. Am Ausgang geben die Zuschaurinnen und Zuschauer mit ihren Schicksalsfäden ein Votum ab. Manche bleiben stehen, stellen den Darstellern Fragen, überlegen lange, bevor sie sich entscheiden. In Brakel hätte Krötz Sohn Glück gehabt: Mit klarer Mehrheit von 98 zu 40 Stimmen entschied das Publikum, es auf polizeiliche Ermittlungen ankommen zu lassen, damit der Sohn das Geld zur Heilung bekäme.

Nach diesem Ergebnis hat der Theaterkurs entschieden, die Hälfte seiner Einnahmen an Ärzte ohne Grenzen zur Bekämpfung von Malaria zu spenden.

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